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Wale und Delfine vor Gansbaai: Unterwegs mit Marine Dynamics

Kurz nach acht Uhr am Morgen stehen wir im Hafen von Gansbaai und ziehen die Schwimmweste über die Fleecejacke. Um uns herum rund 25 bis 30 weitere Gäste, dick eingepackt gegen den Wind, alle mit demselben Blick hinaus aufs offene, stahlblaue Meer. Wir wissen in diesem Moment noch nicht, dass dieses Whale Watching vor Gansbaai uns in den nächsten Stunden mitten durch eine Delfinschule mit weit über 250 Tieren führen wird, wir einer Walmutter mit ihrem Kalb so nah kommen wie noch nie zuvor und ein Gespräch über Orcas führen werden, das unser Bild vom Ozean ziemlich durcheinanderbringt.

Wir sind mit Marine Dynamics in Gansbaai unterwegs, einem mehrfach ausgezeichneten Anbieter für Wal-, Delfin- und Haitouren an der südafrikanischen Küste. Doch wer hier an Bord geht, bekommt weit mehr als eine klassische Whale-Watching-Tour. Im Mittelpunkt stehen die «Marine Big 5», die maritime Antwort auf Südafrikas berühmte Big Five an Land. Statt Löwe, Leopard & Co. geht es hier um Southern Right Whales, Delfine, Haie, Cape Fur Seals und Afrikanische Pinguine.

Dass man alle fünf Marine Big 5 auf einer einzigen Ausfahrt mit Marine Dynamics zu Gesicht bekommt, ist keineswegs selbstverständlich. Die Natur hält sich schliesslich an keinen Tourenplan. Umso unglaublicher fühlt es sich an, dass wir an diesem Tag tatsächlich alle fünf erleben: eine Walmutter mit Kalb, eine Superpod mit Hunderten Delfinen, Haie, Zehntausende Seehunde auf Geyser Rock und schliesslich sogar die seltene Begegnung mit freischwimmenden Afrikanischen Pinguinen.

Boot für Shark Cage Diving vor Gansbaai in Südafrika

Eine Superpod vor Gansbaai: Mitten in einer Delfinschule von 300 Tieren

«Delfine, Backbord!», ruft unser Guide über das Mikrofon, keine zehn Minuten nach der Abfahrt. Wir drehen uns um, und das Meer beginnt buchstäblich zu kochen.

Was wir sehen, ist eine Superpod: mehrere hundert Gewöhnliche Delfine, die gemeinsam jagen. Marine Dynamics schätzt die Gruppe an diesem Tag auf 250 bis 300 Tiere. Das Boot fährt mitten hinein. Um uns herum durchbricht ein Rücken nach dem anderen die Wasseroberfläche, dazwischen wirft sich immer wieder ein Tier quer aus dem Wasser. Es sind so viele Delfine gleichzeitig in Bewegung, dass wir für einen Moment gar nicht wissen, wohin wir zuerst schauen sollen. Vor uns, neben uns, hinter uns. Einer taucht ab, der nächste schiesst aus dem Wasser, irgendwo klatscht eine Flosse auf die Oberfläche. Die Kamera wird plötzlich zur Nebensache, weil sich das alles ohnehin kaum einfangen lässt.

Es ist laut, wild und völlig faszinierend. Wir kennen solche Szenen aus Naturdokumentationen, doch selbst hier draussen zu stehen und dieses Spektakel aus nächster Nähe zu erleben, ist etwas ganz anderes. Wir sind euphorisch wie Kinder und können kaum glauben, welches Glück wir gerade haben.

Ein einzelner Delfin wäre für uns schon ein Erlebnis gewesen. Aber 250 bis 300 Tiere, mitten in der Jagd und direkt um unser Boot herum? Das ist einer dieser seltenen Reisemomente, bei denen man später nicht nur weiss, was man gesehen hat, sondern sich vor allem daran erinnert, wie es sich angefühlt hat: überwältigend, glücklich machend und für einen kurzen Moment tatsächlich sprachlos.

Delfin-Superpod an der Wasseroberfläche vor Gansbaai
Delfin-Superpod an der Wasseroberfläche vor Gansbaai: Erst erkennt man einzelne Finnen, dann merkt man: Das Meer ist voller Delfine.

Whale Watching mit Marine Dynamics in Gansbaai: Southern Right Whale mit Kalb

Kaum hat sich die Aufregung um die Delfine gelegt, ändert das Boot erneut den Kurs. Ein Southern Right Whale, meldet der Guide, eine Mutter mit ihrem Kalb. September fällt mitten in die Hauptsaison der Art vor Südafrikas Küste — zwischen Juni und November kommen die Tiere hierher, um zu kalben und sich zu paaren, bevor sie zurück in die Antarktis ziehen.

Wir drosseln die Geschwindigkeit, der Motor wird fast lautlos, und dann taucht sie auf: erst der charakteristische, mit weissen Kallositäten übersäte Kopf, dann der breite, dunkle Rücken, gleich daneben das deutlich kleinere Kalb, das sich eng an seine Mutter presst. Es ist mein erstes Mal, dass ich einen Wal live vor mir sehe, und ich habe in diesem Moment ehrlich Tränen der Freude in den Augen. Reich, glaube ich in diesem Moment, ist man nicht, wenn man sich etwas leisten kann. Reich ist man, wenn man so etwas mit eigenen Augen gesehen hat.

Die beiden bleiben minutenlang in Sichtweite, ziehen ruhig an uns vorbei, als hätten sie alle Zeit der Welt. Vielleicht haben sie die auch.

Southern Rhight Whale ganz nah
Der charakteristische, von Kallositäten übersäte Kopf eines Southern Right Whale, ganz nah am Boot.

Seehundkolonie auf Geyser Rock und eine seltene Pinguin-Sichtung

Weiter geht es Richtung Dyer Island und Geyser Rock. Schon bevor wir den Felsen richtig erkennen können, wissen wir, dass wir angekommen sind. Man riecht die Seehunde tatsächlich, bevor man sie sieht. Und dann liegt plötzlich dieses Gewimmel vor uns. Zehntausende Cape Fur Seals drängen sich dicht an dicht auf dem Fels, robben übereinander, bellen, schubsen und machen einen Lärm, dass wir gar nicht wissen, wohin wir zuerst schauen sollen.

Was uns besonders zum Lachen bringt, sind ihre Stimmen. Für uns klingen die Seehunde überraschend wenig nach Meer und erstaunlich stark nach Bauernhof. Manche blöken tatsächlich fast wie Schafe oder Ziegen. Ein ziemlich skurriles Konzert auf einem Felsen mitten im Atlantik.

Im Wasser dagegen wirken sie wie ausgewechselt. Sie tauchen ab, drehen sich durch die Wellen und gleiten mit einer Leichtigkeit durchs Meer, die man ihnen an Land wirklich nicht zutrauen würde. 

Und dann kommt noch so ein Moment, der uns völlig überrascht. Mitten im offenen Meer entdecken wir eine kleine Gruppe Afrikanischer Pinguine. Rund 20 Tiere schwimmen gemeinsam durchs Wasser, weit entfernt von jeder Kolonie. Wir schauen uns an und können unser Glück kaum fassen. Selbst unser Guide sagt, dass man sie hier draussen nicht oft so zu Gesicht bekommt. Gerade weil der Afrikanische Pinguin stark gefährdet ist und seine Bestände in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch zurückgegangen sind, fühlt sich diese Begegnung unglaublich besonders an. 

Grosse Robbenkolonie auf felsiger Insel vor Gansbaai
Dicht an dicht liegen die Robben auf den Felsen, während rundherum die Brandung arbeitet.

Haikäfigtauchen mit Marine Dynamics in Gansbaai: Warum der Weisse Hai verschwunden ist

Zum Schluss begleiten wir noch ein Boot mit Haikäfigtauchern. Marine Dynamics bietet auch dieses Erlebnis an, und Gansbaai galt lange als «Great White Shark Capital of the World». Betonung auf: galt.

Denn seit fast zwei Jahren, erzählt uns unser Guide an Bord, wurde hier kein Weisser Hai mehr gesichtet. Der Grund dafür schwimmt ebenfalls im Meer und ist mindestens genauso faszinierend: Orcas. Zwei bekannte männliche Tiere, die immer wieder in der Region unterwegs waren, haben gezielt Weisse Haie gejagt. Orcas können Haie auf den Rücken drehen und damit in eine sogenannte tonische Immobilität versetzen. Die Tiere werden dabei vorübergehend regungslos. Besonders begehrt ist die energiereiche Leber der Haie.

Die Folgen sind deutlich spürbar. Die Weissen Haie haben die Region weitgehend gemieden und sind in andere Küstenabschnitte Südafrikas ausgewichen. Für Gansbaai, das über Jahre wie kaum ein anderer Ort mit dem Weissen Hai verbunden war, hat sich damit einiges verändert.

Wer heute zum Haikäfigtauchen nach Gansbaai kommt, begegnet deshalb vor allem anderen Arten, etwa Bronze Whalern oder gelegentlich Sevengill Sharks. Weniger aufregend ist das deshalb nicht. Wenn wenige Zentimeter vor einem plötzlich ein Hai durchs Wasser zieht und man ihm direkt in die Augen schaut, ist ziemlich schnell egal, ob es der berühmteste Vertreter seiner Art ist

Shark-Cage-Diving-Boot vor Gansbaai in Südafrika
Shark-Cage-Diving-Boot: Gansbaai ist nicht nur Walrevier. Auch die Begegnung mit Haien gehört zur Geschichte dieser Küste.

Marine Dynamics in Gansbaai: Wo Whale Watching auf Meeresschutz trifft

Vor rund 15 Jahren waren wir schon einmal hier. Seitdem hat sich einiges verändert und gleichzeitig erstaunlich wenig. Der Grundgedanke ist derselbe geblieben: der Schutz dieser einzigartigen Meereswelt steht nach wie vor an erster Stelle. Nur das Drumherum ist heute deutlich professioneller organisiert.

Für die Gäste beginnt das Erlebnis inzwischen lange vor dem Ablegen. Es gibt ein Restaurant, die Abläufe sind eingespielt, und bevor es aufs Boot geht, bekommt jeder erst einmal einen Kaffee und einen Muffin. Eine kleine Sache, die aber zeigt, wie sehr Marine Dynamics das gesamte Erlebnis über die Jahre weiterentwickelt hat.

Was geblieben ist, ist der eigentliche Antrieb hinter allem: die Natur nicht nur zu zeigen, sondern sie auch zu schützen und Wissen über sie weiterzugeben. 

Hinter Marine Dynamics steckt deutlich mehr als ein Anbieter für Bootstouren. Der Südafrikaner Wilfred Chivell, selbst aus Gansbaai, gründete im Jahr 2000 Dyer Island Cruises und erhielt die erste Whale-Watching-Genehmigung der Region. 2005 übernahm er das bereits bestehende Shark-Cage-Diving-Unternehmen Marine Dynamics. Seine Vorgabe war von Anfang an klar: Eine Meeresbiologin oder ein Meeresbiologe sollte fest zum Team gehören, und jede Ausfahrt sollte gleichzeitig auch Forschung und Naturschutz unterstützen.

Genau das erleben wir an diesem Tag. Unser Guide an Bord ist Meeresbiologin, notiert Sichtungen und Verhaltensdaten, während wir noch damit beschäftigt sind, überhaupt hinterherzukommen und all die Eindrücke festzuhalten.

2006 gründete Chivell den gemeinnützigen Dyer Island Conservation Trust. Was ursprünglich mit einem Nistplatzprojekt für den bedrohten Afrikanischen Pinguin begann, ist heute zu einer bedeutenden Meeresschutzorganisation an der südafrikanischen Küste gewachsen. Marine Dynamics arbeitet dabei eng mit Behörden zusammen, unter anderem mit dem Department of Forestry, Fisheries and the Environment, CapeNature und der Overstrand Municipality. Die Whale-Watching- und Shark-Cage-Diving-Aktivitäten unterliegen einem staatlichen Permit-System.

Eine klassische staatliche Finanzierung ist das allerdings nicht. Der Trust finanziert sich vor allem über eine Conservation Fee, die in jeder Buchung enthalten ist, über Spenden der Gäste sowie über Unternehmenspartner und Sponsoren.

Zum Naturschutz gehört bei Marine Dynamics auch eine eigene Anlaufstelle für die vielleicht sympathischsten Patienten der Region. Das African Penguin & Seabird Sanctuary in Gansbaai kümmert sich um verletzte, kranke, geschwächte oder verwaiste Seevögel, mit besonderem Fokus auf den vom Aussterben bedrohten Afrikanischen Pinguin. Auch Küken von Dyer Island werden hier aufgenommen, aufgepäppelt und, sobald sie kräftig genug sind, wieder in die Freiheit entlassen. Seit der Eröffnung 2015 wurden bereits weit über tausend Afrikanische Pinguine rehabilitiert und ausgewildert.

Leider reicht unsere Zeit an diesem Tag nicht mehr für einen Besuch, obwohl uns Christine herzlich dazu eingeladen hatte. Schade, denn genau dort hätten wir gerne noch einen Blick hinter die Kulissen geworfen. Und ganz unter uns: Die Vorstellung, so einem kleinen Frackträger einmal ganz nahe zu kommen, hätte durchaus ihren Reiz gehabt. Streicheln darf man die Patienten vermutlich ohnehin nicht einfach so, aber träumen darf man ja.

Saison und Praktisches: Gut zu wissen

Die Marine-Big-5-Touren starten ganzjährig ab Gansbaai, rund zwei Autostunden östlich von Kapstadt. Wir selbst kommen von Hermanus mit dem Taxi, was unkompliziert funktioniert und sich gut als Tagesausflug verbinden lässt.

Southern Right Whales sind vor allem zwischen Juni und November zu sehen, Delfine und Cape Fur Seals das ganze Jahr über. Haikäfigtauchen wird ebenfalls ganzjährig angeboten. Wer möglichst viel erleben möchte, sollte mindestens einen halben Tag einplanen. Bei uns dauert die Tour vom Ablegen bis zur Rückkehr in den Hafen rund vier Stunden.

Kosten: Die Marine Big 5 Tour mit Marine Dynamics kostet aktuell R 2’340 pro Erwachsenen, hinzu kommen R 150 Conservation Fee. Kinder unter fünf Jahren fahren kostenlos mit. Die Conservation Fee fliesst in die Arbeit des Dyer Island Conservation Trust und unterstützt Projekte rund um Meeresschutz, Forschung und Artenerhalt.

Lohnt sich die Marine Big 5 Tour in Gansbaai mit Marine Dynamics?

Nach rund vier Stunden kommen wir zurück in den Hafen und haben das Gefühl, viel länger unterwegs gewesen zu sein. Nicht weil die Tour anstrengend war, sondern weil in diesen wenigen Stunden unglaublich viel passiert ist. Rund 300 Delfine, eine Walmutter mit ihrem Kalb, Zehntausende Seehunde, Afrikanische Pinguine und Haie. Fünf Begegnungen, von denen jede einzelne schon Grund genug gewesen wäre, aufs Boot zu steigen.

Natürlich gehört Glück dazu. Das hier ist kein Zoo, und genau deshalb gefällt uns die Tour so gut. Niemand kann versprechen, was an diesem Morgen vor Gansbaai auftaucht. Vielleicht sind es weniger Tiere, vielleicht andere. Aber genau diese Ungewissheit macht für uns den Reiz aus.

Würden wir die Marine Big 5 Tour noch einmal machen? Sofort. Und wahrscheinlich würden wir wieder mit viel zu vielen Fotos und dem Gefühl zurückkommen, dass die schönsten Momente ohnehin diejenigen waren, in denen die Kamera gerade nicht vor unseren Augen hing.

Marine Big 5 Daily Blog 08 September

Die Bilder des Tages: Unterwegs mit Marine Dynamics

Mehr als Whale Watching: Was Marine Dynamics besonders macht

 

Was Marine Dynamics von vielen klassischen Whale-Watching-Anbietern unterscheidet, passiert nicht nur draussen auf dem Wasser. Jede Tour wird von einem Meeresbiologen oder spezialisierten Marine Guide begleitet. Gleichzeitig fliessen nach eigenen Angaben jährlich eine Million Rand in Forschung und Naturschutz. Über den von Eigentümer Wilfred Chivell gegründeten Dyer Island Conservation Trust wurden bereits zahlreiche wissenschaftliche Projekte unterstützt, darunter Forschung zu Weissen Haien, Walen und Delfinen. Auch das African Penguin & Seabird Sanctuary in Gansbaai gehört zu diesem Engagement.

 

Und genau das merkt man an Bord. Es geht nicht nur darum, möglichst viele Tiere vor die Kamera zu bekommen. Beobachtungen werden erklärt, Zusammenhänge eingeordnet und Wissen weitergegeben. Dass auf jeder Tour ein Meeresbiologe oder spezialisierter Marine Guide dabei ist, gehört laut Marine Dynamics fest zum Konzept. So wird aus einer Begegnung mit einem Wal, Delfin oder Hai plötzlich mehr als ein spektakuläres Foto. Man versteht ein kleines bisschen besser, was in diesem Ökosystem vor Gansbaai eigentlich passiert und warum es sich lohnt, es zu schützen.

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