Nur wenige Minuten von unserer Unterkunft im Majeka House entfernt und sogar bequem zu Fuss erreichbar, liegt das Vriesenhof Wine Estate in Stellenbosch mit seinem Restaurant Die Stoep. Hoch über dem Paradyskloof Valley und direkt neben dem Dylan Lewis Sculpture Garden fühlt sich die Umgebung schon auf den letzten Metern angenehm ländlich an.
Der Weg führt durch üppig bewachsene Beete mit Kräutern und Blumen, vorbei an viel Grün und alten Bäumen. Dahinter taucht schliesslich das weiss getünchte, reetgedeckte Gutshaus im kapholländischen Stil mit seinem geschwungenen Giebel auf.
Als wir eintreten, landen wir zuerst in einer gemütlichen Lounge. An der Wand steht ein grosses Weinregal, in dem die Weine von Vriesenhof präsentiert werden. Und mittendrin, hinter dem Tresen, wartet bereits Ollie Conradie auf uns, der den Vriesenhof Tasting Room als Manager und Sommelier leitet.
Vriesenhof war lange kein Ort, an dem man einfach vorbeikam. Bis vor Kurzem gab es hier sicherlich keinen durchgetakteten Tasting-Betrieb. Im Zentrum standen Wein, Familie und das Leben auf dem Gut selbst. Erst mit dem Rückzug von Jan «Boland» Coetzee wurde sein ehemaliges Wohnhaus behutsam zu Tasting Room und Restaurant umgebaut.
Bevor wir das erste Glas in der Hand halten, erzählt uns Ollie die Geschichte des Mannes, dem dieses Weingut in Stellenbosch seinen Charakter verdankt. Coetzee spielte zwischen 1974 und 1976 Rugby für die Springboks, bevor er sich ganz dem Wein zuwandte. Zwölf Jahre arbeitete er anschliessend bei Kanonkop und produzierte dort den allerersten abgefüllten Kanonkop-Wein. 1982 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Cape Winemakers Guild und prägte mit der Einführung französischer Rebsorten die südafrikanische Weinwelt entscheidend mit.
1980 kaufte Coetzee Vriesenhof. 1983 brachte er Chardonnay-Reben aus Frankreich mit nach Südafrika, nach Angaben des Weinguts damals illegal ins Land geschmuggelt. Daraus wurde der erste Chardonnay von Vriesenhof. Und so begann alles.
Die Stoep auf Vriesenhof: Essen, Wein und Stellenbosch im Glas
Nach fünf Tagen, in denen uns der südafrikanische Frühling vor allem Regen, Wolken und ziemlich viel Grau serviert hat, fühlt sich unser Platz auf der Stoep plötzlich wie ein kleines Geschenk an. Endlich wieder Sonne im Gesicht. Ja, der Wind weht ordentlich durchs Paradyskloof Valley, aber ganz sicher bringt uns das nicht nach drinnen. Wir setzen uns ganz nach vorne, dorthin, wo nichts mehr zwischen uns und diesem Panorama liegt.
Vor uns öffnet sich die Landschaft weit in Richtung der Stellenbosch Mountains und des Helderberg-Massivs. Hinter der weissen Gartenmauer steigen die Berghänge dunkelgrün und felsig in den tiefblauen Himmel. Dazwischen ziehen sich Weinberge, Bäume und einzelne Gehöfte durchs Tal. Ein paar weisse Wolken hängen noch zwischen den Gipfeln, als Erinnerung an die vergangenen Regentage.
«Die Stoep» ist Afrikaans für Veranda. Und hier ist sie weit mehr als nur der Name des Restaurants. Der Inhaber selbst beschreibt Die Stoep als eine Art Bauernrestaurant in Stellenbosch. Unkompliziert, bodenständig und ein Ort, an dem gutes Essen und guter Wein zusammengehören.
Gleich zu Beginn werden wir aufgeklärt: Eine feste Menüfolge gibt es hier nicht. Vorspeisen und Snacks sind zum Teilen gedacht. Danach kann man sich klassisch durch drei Gänge essen oder einfach mehrere Gerichte bestellen, in die Mitte stellen und gemeinsam probieren. Auf den Grill kommen etwa Steaks, während der kurz angebratene Thunfisch mit Fenchel-Apfel-Salat serviert wird. Unkompliziert, gesellig und genauso, wie Essen auf einer Stoep sein sollte.
Ein grosser Teil wird direkt im Holzofen und auf dem Grill auf der Stoep zubereitet, die wir von unserem Tisch aus im Blick haben. Hier kommen auch die Pizzen aus dem Holzofen, für die Vriesenhof ebenfalls bekannt ist.
Wir wählen unsere Gerichte aus, bestellen und lehnen uns zurück. Den flüssigen Teil unseres Mittagessens überlassen wir Ollie. Der steht schon mit einer Flasche in der Hand und einem breiten Grinsen im Gesicht vor uns. Ein festes Tasting-Programm scheint es heute nicht zu geben.
Den Anfang unseres Wine Tastings auf Vriesenhof macht der Vriesenhof Unwooded Chardonnay 2025. Frisch, leicht und angenehm trocken, vor allem aber gefährlich trinkbar. Danach folgt der Vriesenhof Chardonnay 2025. Gleiche Traube, ganz anderes Gefühl: voller, weicher, cremiger. Den Unterschied schmecken selbst wir sofort.
Während wir probieren, kommen bereits die ersten Teller aus der Küche. Unser Steak Tatar macht den Anfang. Das Fleisch hat noch Struktur, dazu rote Zwiebeln, Kräuter und fein darüber geriebenes, gereiftes Eigelb. Daneben liegen drei dicke Scheiben Brot, kräftig über dem Feuer geröstet, mit dunklen Grillstreifen, knusprigen Rändern und diesem leicht rauchigen Geschmack, den kein Toaster der Welt hinbekommt.
Natürlich kann man auf Vriesenhof auch ein klassisches Wine Tasting in Stellenbosch ohne Essen machen. Wir würden uns allerdings jederzeit wieder für diese Variante entscheiden. Denn wenn guter Wein und gutes Essen schon am selben Ort zusammenkommen, sollte man die beiden unserer Meinung nach auch miteinander bekannt machen.
Ollie weiss unglaublich viel über Wein. Während die Teller über unseren Tisch wandern, erzählt, erklärt, scherzt und schenkt er nach. Niemand muss hier erst einen Sommelierkurs absolvieren, bevor er sagen darf, dass ihm etwas schmeckt. Meine Trefferquote ist an diesem Nachmittag jedenfalls ausgesprochen hoch.
Irgendwann wechselt die Farbe im Glas. Aus Weiss wird Rot und in der Sonne schimmert der Wein beinahe violett. Gleichzeitig kommt das Tuna Tataki auf den Tisch. Dicke Stücke Thunfisch, aussen kräftig angebraten, innen wunderbar zart und in einer kleinen dunklen Pfanne serviert.
Dazu schenkt Ollie den Vriesenhof Kallista 2020 ein, einen der bekanntesten Weine des Guts. Kallista gilt als Flaggschiff von Vriesenhof und wird bereits seit den 1980er-Jahren produziert. Schon an Ollies Begeisterung merken wir, welchen Stellenwert dieser Wein hier hat. Die rote Cuvée bringt dunkle Frucht, Würze und ordentlich Charakter mit, bleibt dabei aber wunderbar rund.
Ach ja, und so geht das weiter. Wir hatten hier einen herrlich entspannten Nachmittag mit gutem Wein, gutem Essen und ziemlich wenig Lust, irgendwann wieder aufzustehen. Wenn du in Stellenbosch und den Cape Winelands unterwegs bist, solltest du dir Vriesenhof deshalb unbedingt merken. Ein paar Stunden auf der Stoep verbummeln, zusammensitzen, trinken, reden, essen und irgendwann nicht mehr auf die Uhr schauen. Genau so ist dieser Ort gedacht.
Und dafür muss man noch nicht einmal ausgewiesener Weinkenner sein. Stellenbosch kann Wein, aber eben auch ziemlich viel von den 19 Stunden neben der Golfrunde.
Stellenbosch für Foodies: Die besten Restaurants & Genuss-Tipps
Warum man in Stellenbosch unbedingt essen gehen sollte
Natürlich kommt man wegen des Weins nach Stellenbosch. Wegen des Golfs natürlich auch. Und dann wäre da noch das Essen.