Schon beim Eintreten war klar, dass das kein gewöhnliches Dinner werden würde. Und ehrlich gesagt: Amura ist derzeit einer der spannendsten Gründe überhaupt, im legendären «Nellie» zu übernachten und wer dies nicht möchte, wenigstens zu Dinieren. Nicht, weil es «noch ein Fine Dining Restaurant in Kapstadt» ist, sondern weil hier zwei kulinarische Welten aufeinandertreffen. Die Atlantikküste Südafrikas und die andalusische Meeresküche Spaniens.
Bevor wir zum Essen kommen, noch kurz zur Kulisse, denn sie ist Teil des Erlebnisses. Das Belmond Mount Nelson Hotel in Kapstadts Stadtteil Gardens ist kein Hotel, das man erklärt. Man kennt am Kap diese zartrosa Fassade, diese geschwungenen weissen Veranden, diesen Garten, der wirkt, als hätte ein viktorianischer Landschaftsarchitekt alle seine grössten Ideen an einem einzigen Ort verwirklicht. Seit über 120 Jahren empfängt das «Nellie», wie es liebevoll genannt wird, Könige, Schriftsteller und Staatsleute. Winston Churchill soll hier logiert haben, Nelson Mandela war Gast, und heute schlagen die Belmond-Gäste bei einem Nachmittagstee unter Palmen auf der Terrasse ihre Zeit auf ähnlich elegante Art tot. Hinter den Rosenbüschen beginnt der Trubel der Stadt. Im Hotel selbst gilt eine andere Uhr.
Belmond Mount Nelson in Kapstadt: Eine Hotellegende in Rosarot
Das Konzept eines Drei-Sterne-Koch kommt nach Afrika
Hinter Amura steht Ángel León, in Spanien besser bekannt als «El Chef del Mar», der Koch des Meeres. Mit seinem Restaurant Aponiente in Cádiz wurde er mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnet und gilt als einer der innovativsten Fischköche der Welt. Statt Luxus über Kaviar oder Hummer zu definieren, beschäftigt er sich seit Jahren mit nachhaltigen, oft übersehenen Meeresprodukten und den Möglichkeiten des Ozeans. Amura ist sein erstes Restaurantkonzept ausserhalb Spaniens. Die tägliche Küchenleitung vor Ort übernimmt eine regionale Küchenbrigade auf höchstem Niveau, die Leóns Handschrift Tag für Tag neu für Kapstadt übersetzt.
Amura Restaurant: Ein Dialog zwischen zwei Küsten
Im Dezember 2025 hat Belmond ein neues Restaurant in einen Raum eingebettet, der nicht als Restaurant gedacht war, was ich nur als mutig bezeichnen kann. Mutig, weil man sich für einen Koch entschieden hat, der nicht einfach «Fine Dining» macht, sondern konsequent denkt, und für ein preisgekröntes Interior Design, das schon beim Betreten auffällt und klarmacht, dass das Amura nichts mit den üblichen nautischen Klischees anfangen kann: keine Anker, keine Fischernetze, kein Marineblau. Stattdessen hat der südafrikanische Designer Tristan du Plessis im ehemaligen Planet Room und dem früheren Cape Colony einen Raum geschaffen, der an einen Tauchgang erinnert: hohe Decken, Grüntöne wie ein Kelpwald, warmes Holz, Bronzedetails, bernsteinfarbene Glaslüster, die alles in ein unterwasserartiges Dämmerlicht tauchen, und eine beeindruckende, doppelstöckige Weinbibliothek. In der Mitte eine runde Bar aus grauem Marmor im Art-déco-Stil, mit einem Rondell aus Dekantern darüber. Ehrlich gesagt hätte man den Negroni hier auch einfach stehen lassen und weiterschauen können. Aber dann wäre man ja nicht zum Wesentlichen gekommen.
Sogar der Name ist Programm. «Amura» kommt aus der Seemannssprache und bezeichnet den Bug eines Bootes, jenen Teil, der als Erstes durch die Wellen schneidet. Vorwärtsbewegung, Richtung, Absicht: Genau das will das Restaurant auch auf dem Teller schaffen.
«In Kapstadt zu kochen bedeutet, das Meer aus einem anderen Blickwinkel, einer anderen Kultur, einem anderen Herzschlag zu erleben», sagt León. «Hier spricht das Meer mit einem anderen Salz, einem anderen Licht. Wir sind nicht gekommen, um uns aufzudrängen, sondern um zu lernen.»
Und das spürt man.
Kapstadt und Südspanien sind sich auf den ersten Blick nicht ähnlich. Ganz im Gegenteil. Und doch teilen sie etwas Tieferes: eine maritime DNA, jahrhundertealte Fischereitraditionen, Kulturen, die durch die Nähe zum Meer geformt wurden.
«In Cádiz konservieren wir Fisch schon seit Jahrhunderten mit Salz und Essig», erklärt León. «Hier in Kapstadt gibt es dieselben Traditionen. Andere Fische, vielleicht andere Gewürze, aber derselbe Respekt vor dem Meer, dasselbe Wissen über Gärung, Feuer und Konservierung.»
Amura ist also keine spanische Küche in Kapstadt. Es ist ein Gespräch zwischen zwei Küsten.
Das Amura Wintermenü: Was bei uns auf den Tisch kam
Wir durften uns durch das komplette Wintermenü essen, jeden Gang, ohne Auswahl treffen zu müssen, dazu noch ein paar Überraschungen eingebaut. Apropos: Auch beim Geschirr überlässt Amura nichts dem Zufall. Die Teller und Schalen kommen von Mervyn Gers Ceramics aus Kapstadt und werden dort von Hand gefertigt. Ein bisschen unperfekt, ziemlich individuell und viel zu schön, um darauf einfach nur Essen abzustellen.
Es beginnt, bevor es beginnt. Vor dem eigentlichen ersten Gang kommt eine Pilz-Seaweed-Brühe an den Tisch, fast schwarz in der Optik, intensiv in der Konsistenz, mit einem Hauch Trüffel im Abgang. Kein Amuse-Bouche zum Warmwerden, sondern gleich eine Ansage.
Um uns kümmert sich Nyasha, gebürtig aus Simbabwe, mit einem Service, der herzlich ist und trotzdem nie aufdringlich wird. Genau die Balance, die ein Abend wie dieser braucht. Er ist aufmerksam, hervorragend geschult und immer einen Schritt voraus, ohne dass man das Gefühl hat, ständig umsorgt zu werden. Jeden Gang erklärt er souverän, kennt Zutaten, Zubereitung und die Geschichte dahinter. Und überhaupt ist es das gesamte Team im Amura, das uns an diesem Abend beeindruckt: herzlich, professionell und mit einer Selbstverständlichkeit im Service, die man nicht lernen kann – zumindest nicht komplett.
Dann die Wurst. Fischwurst, um genau zu sein, aus Thunfisch und Seebarsch, in einer Textur, die verblüffend an Chorizo erinnert. So etwas hatten wir noch nie gegessen. «Die beiden (a. d. R. Küchenchefs) haben mal etwas davon gehört und dann so lange herumprobiert, bis am Ende tatsächlich eine Wurst aus Fisch dabei herauskam», erzählt uns Restaurantchef Markus, während die Küchenbrigade unter Küchenchef und Sous-Chef genau dieses Gericht für Kapstadt adaptiert hat. Erfunden wurde die Fischwurst im Stammhaus in Cádiz, von dort kam sie über den Atlantik nach Amura.
Von der eigentlichen Menükarte geht es weiter mit der Amura Gilda, jenem baskischen Pintxo, den man in jedem Aponiente-Ableger findet, gefolgt von Yellowtail Sashimi mit Feigenblatt-Escabeche und Kräutern, die aussehen, als seien sie eben erst von den Klippen gepflückt worden. Auf der Karte steht als Nächstes eigentlich eine Entscheidung an: Squid Ink Croquette oder Prawn Toast. Bei uns nicht: Wir bekamen beides, kein Sowohl-als-auch-Dilemma, einfach beides. Danach Dry Aged Seabass mit karamellisiertem Zwiebelpüree, geröstetem Lauch und Kohlschaum, ein Gang, der zeigt, dass Fisch auch ohne jede Show funktioniert, wenn das Handwerk stimmt.
Das Wintermenü selbst kostet 750 Rand pro Person, umgerechnet rund 40 Euro beziehungsweise 38 Schweizer Franken, Weinbegleitung nicht inbegriffen. Für einen Abend mit drei Michelin-Sternen als Konzept im Hintergrund ein Preis, bei dem man kein zweites Mal nachrechnen muss.
Wenn du in Kapstadt bist und Fine Dining zu deinem Reiseprogramm gehört, dann musst du hier essen gehen. Unbedingt!
Vom Dessert zum eigenen Gang
Zum Schluss übernimmt die Patisserie, und aus dem Dessert wird ein vollwertiger Gang. Choco Loco heisst das Ding: vier verschiedene Texturen von Schokolade, dazu eine Seaweed-Konfitüre und ein Zitrussorbet. Was nach einer gewagten Kombination klingt, ergibt am Gaumen erstaunlich viel Sinn. Das Meer hört eben auch beim Dessert nicht auf, mitzureden.
Weinbegleitung im Amura: Südafrika trifft Natural Wine
Zum Abschluss ein Sherry, der einiges über den Ehrgeiz dieses Hauses verrät: ein PX von Ximénez-Spínola. Und nein, dieser PX ist nicht schwarz wie Motoröl, wie man es von einem Pedro Ximénez erwartet. Er ist hell und golden wie Honig und schmeckt nach Weihnachtsapfel. Genauso ungewöhnlich wie der ganze Abend.
Für die Weinbegleitung zuständig ist Kegan, der die klassische Neue Welt zwar aus dem Effeff beherrscht, dessen eigentliche Leidenschaft aber woanders liegt: Natural Wine, Orange Wine, Pet-Nat. Wer sich traut, lässt sich von ihm entführen und fragt bewusst nach einer modernen, freaky-funky Weinbegleitung. Man wird nicht enttäuscht.
Unser Fazit zum Amura: Lohnt sich das Restaurant in Kapstadt?
Amura hat innerhalb weniger Monate enorm an Aufmerksamkeit gewonnen: Best New Restaurant South Africa 2026 bei den Eat Out Awards, Aufnahme in die Condé Nast Traveler Hot List 2026 der besten neuen Restaurants weltweit und von zahlreichen Restaurantkritikern als eines der aufregendsten Fine-Dining-Konzepte Afrikas bezeichnet. Kaum sechs Monate nach der Eröffnung ist Amura bereits das, worüber Kapstadt spricht. Was für eine Stadt, die in Sachen Gastronomieszene nicht auf den Mund gefallen ist, keine Selbstverständlichkeit ist.
Im Mount Nelson isst du also nicht einfach zu Abend. Du reist kulinarisch zwischen zwei Meeren. Das kalte Wasser des Atlantiks vor Kapstadt trifft auf die jahrhundertealte Fischküche Andalusiens. León bringt dabei nicht einfach seine Rezepte nach Südafrika, sondern seine Philosophie: Das Meer soll nicht kopiert, sondern verstanden werden.
Und wir müssen sowieso wiederkommen. Denn das Wintermenü war für uns an diesem Abend eigentlich nur die kleine Variante für zwischendurch – wir hatten tagsüber schlicht schon zu viel gegessen. Die neun Gänge des regulären Menüs warten also noch auf uns. Natürlich kannst du im Amura auch ganz unkompliziert einzelne Gerichte à la carte bestellen. Aber manchmal ist es ja ganz praktisch, sich einen guten Grund für die Rückkehr nach Kapstadt offenzulassen.
Bildergalerie AMURA im BELMOND Mount Nelson
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